Waldkindergarten? Nein danke! Bei jedem Wetter draußen und außerdem total „öko“! Können die Kinder dann in der Schule überhaupt ruhig sitzen? Und wo gehen die denn im Wald aufs Klo? Da müsste ich ja mit dem Auto hinfahren. Und die Zeiten passen mir auch gar nicht.

 

-Vorurteile?-

„Bei Wind und Wetter draußen?“

IMG_2565Ja klar! Für den Sommer ist das ja für die meisten verständlich, aber wenn das Wetter ungemütlich wird, sitzt man doch lieber im Haus am besten direkt neben dem Kamin. Und den Kindern ist es sterbenslangweilig, auch wenn sie noch so viel Spielzeug vor sich liegen haben.

Warum also nicht nach draußen? Mit der richtigen Bekleidung ist das gar kein Problem. Unsere Waldkinder freuen sich sogar über einen ordentlichen Regen, da kann man endlich wieder in Pfützen hüpfen, am Hang die Lehmrutsche runterdüsen, das Bächlein stauen und Matschschlittschuhfahren. Und wenn es im Winter richtig kalt ist, dann wärmen sie sich erstmal in unserem gemütlichen, mit einem kleinen Holzofen beheizten Bauwagen auf, um sich dann draußen auszutoben. Kinder haben eben einen viel höheren Bewegungsdrang als wir Erwachsenen, während wir frieren, weil wir uns nicht so viel bewegen, kommen die Kinder schon ins Schwitzen, weil sie von hier nach da flitzen. (Helft mal einen Tag in unserem Kindergarten aus, dann wisst ihr wovon ich spreche.)

Klar, unsere Oma meinte auch „Oje, das arme Kind, es wird doch ständig krank sein!“ Nein, ganz im Gegenteil. Wie oft hört man, dass die Kinder im „normalen“ Kindergarten andauernd krank sind? Im Waldkindergarten, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, sind die Kinder selten krank. Hier sammeln sich keine Keime an, wie in einem geschlossenen Gebäude, und zusätzlich stärkt die frische Luft das Immunsystem. Also, nein Oma, mein Kind ist viel gesünder, weil es dauernd draußen ist!

„Und was ist mit den Zecken?“

Ja, die gibt es. Ganz ehrlich hat mein Sohn dieses Jahr (wir haben Ende Juni) seine einzige Zecke in unserem eigenen Garten eingefangen. Gut, das Risiko Zecken zu bekommen, ist im Waldkindi natürlich höher als im „normalen“ Kindi, aber darauf stellt man sich ein. Die Kinder werden zuhause gründlich abgesucht und Zecken mit der Spezialpinzette sofort entfernt, um einer Übertragung von Borreliose vorzubeugen. Gegen FSME habe ich meine Kinder impfen lassen, aber das muss jeder selbst für sich entscheiden.

„WuIMG_20150721_112244sste gar nicht, dass ihr so alternativ angehaucht seid?! Waldkindergarten, Waldorfkindergarten – das ist doch alles dasselbe und total öko!“

Okay, mit Absatzschuhen werden unsere Kinder nur selten gebracht, was aber eher an den Bedingungen scheitert: Im Wald läuft es sich eben schlecht mit hohen Schuhen, deshalb hält man sich einfach ein paar Gummistiefel oder alte Turnschuhe im Auto bereit und wechselt die Schuhe zum Bringen oder Abholen kurz aus. Wir tragen auch nicht nur selbst gestrickte Kleidung,  essen nicht nur Müsli und andere Körner und tragen sogar im Winter nicht ständig Birkenstock-Sandalen, um einmal ein paar der gängigen Vorurteile aufzuzählen (Tatsächlich isst meine Familie auch gerne mal beim „Goldenen M“ und Co, aber bitte nicht weitersagen!).

Bedeutet alternativ oder ökologisch denn etwas Schlechtes? Ist es schlecht, wenn man für sein Kind nicht nur Normales möchte, sondern auch mal etwas Anderes, etwas Alternatives, etwas, in meinen Augen Besseres? Und seit wann ist öko schlecht? Gerade heutzutage ist es wichtig, dass die Kinder lernen, richtig mit der Natur umzugehen, ein Verständnis für die Natur, für die Umwelt zu bekommen und Respekt vor allem Leben. Jetzt können die Kinder lernen, es besser zu machen, sich eine andere Einstellung aneignen.

„Und wie gehen die da aufs Klo?“

Eigentlich ist das immer die erste Frage, die kommt. Die wollte ich aber nicht gleich zu Beginn beantwCIMG5281orten…

Wir haben, man glaubt es kaum, Toiletten im Wald. Ja, ok, kein Villeroy und Boch mit Wasserspülung, sondern Gestelle aus Holz, getrennt für das kleine und das große Geschäft. Unter Letzterem ist ein großes Loch, und neben dem Klo hängt eine Schaufel, mit der man dann nach verrichteter „Arbeit“ etwas Erde drüber schaufelt. Anschließend werden die Hände mit Seife gewaschen. Die Toiletten werden regelmäßig versetzt und ein neues Loch gegraben. Und das war auch schon der ganze Spuk um die Waldklos. Die Kinder finden ihre Klothrone mit Haltegriffen super, wir Eltern können ja bei der Keramikabteilung bleiben…

„Da müsste ich ja mit dem Auto hinfahren.“

Wir wohnen nicht direkt in Michelbach, sondern in Westheim. Das bedeutet, ich fahre zwischen 6 und 8 Minuten bis zum Kindergarten. Ok, das hatte ich mir anders ausgemalt, als ich daran dachte, wie es mal sein würde, wenn mein Kind in den Kindergarten kommt. Ich wollte ihn mit dem Jüngeren im Kinderwagen hinbringen, er sollte laufen oder mit dem Fahrrad fahren, so wie ich früher. Nun ja, das ist etwas schade und sicher auch nicht ganz so öko, aber leider gibt es hier in Westheim für mich keine Alternative. Und falls einmal mehr Eltern aus Rosengarten sich für unseren Kindi entscheiden sollten, könnte man auch Fahrgemeinschaften bilden. Für mich ist diese Strecke in Ordnung, dafür darf mein Kind in den Waldkindergarten gehen. Und mal ganz ehrlich, wie oft sehe ich Eltern hier im Ort ihre Kinder mit dem Auto in den Kindergarten fahren, der auch zu Fuß zu erreichen wäre…

„Die Öffnungszeiten sind total ungeschickt!“

Das kann ich verstehen und bin froh, dass ich die Möglichkeit habe, im Moment nicht arbeiten gehen zu müssen, sondern „nur“ Hausfrau und Mutter bin. Wenn beide Eltern berufstätig sind, wird es manchmal schwierig, das mit unseren Öffnungszeiten zu vereinbaren, wobei wir auch viele Waldeltern haben, bei denen das so ist und die sich damit arrangieren und gegenseitig aushelfen. Zum Beispiel bringen andere Waldeltern die Kinder mit hin oder fahren sie nach Hause, auch die Großeltern sind teilweise miteingespannt, und es gibt in Michelbach eine tolle Tagesmutter, die die Kinder direkt vom Kindergarten abholt. Also alles eine Frage der Organisation?

„Und in der Schule? Kann das Kind denn dort so lange sitzen? Willst du es das letzte Jahr vor der Schule nicht lieber in einen „normalen“ Kindergarten tun?“

Das sind auch Standardfragen, die man als Waldkind-Mama immer wieder hört. Aber warum? Wird in anderen Kindergärten dauernd das Sitzenbleiben trainiert? Ich hoffe doch nicht!

CIMG5559Im Wald machen die Kinder auch einen Morgen- und einen Abschlusskreis, während dem sie sitzen. Und tatsächlich malen und puzzeln die Kinder auch im Sitzen, außer es ist Aquarellmaltag, das geht besser im Stehen. Und unsere Vorschulkinder arbeiten in ihrem letzten Kindergartenjahr an einem großen Projekt, gestalten am Webrahmen ein eigenes Täschchen, und einmal pro Woche gibt es ein spezielles Vorschulprogramm. Auch die Kooperation mit den Grundschulen läuft hier super.

Was braucht man mehr? Geht der Ernst des Lebens nicht früh genug los? Ich finde, die Kinder sollten so lange wie möglich einfach nur Spaß haben, sich austoben, matschen, klettern, rennen, entdecken, spielen, spielen, spielen…. Dazu fällt mir das Zitat von Astrid Lindgren ein (mit Dank an Herrn Brucklacher vom Waldkindergarten Gaildorf, der mich darauf gestoßen hat):

„Wir spielten und spielten und spielten – ein Wunder, dass wir uns nicht totgespielt haben. Wir kletterten wie die Affen auf Bäume und Dächer, wir sprangen von Bretterstapeln und Heuhaufen, dass unsere Eingeweide nur so wimmerten.“

Das also sind so in etwa die Standardfragen, die mir gestellt werden, bzw. Antworten, die ich bekomme, wenn mich jemand nach dem Waldkindergarten fragt oder ich frage, warum jemand sein Kind denn nicht auch in den Waldkindi geben möchte.

Ja, man muss sich auch mehr einbringen und etwas tun, sei es Wasser- oder Putzdienst, Bautag oder Kuchenbacken. Aber es ist auch schön, zumindest empfinde ich das so, in der Gemeinschaft etwas zu erreichen, den Kindern eine etwas andere, tolle und unbeschwerte Kindergartenzeit bieten zu können. Kommt doch einfach mal vorbei und schaut es euch mit Kinderaugen an, bestimmt verfliegen viele eurer Vorurteile mit einem Schlag.

Und jedes Mal, wenn ich wieder vergeblich versuche, mein grinsendes, von oben bis unten vollgematschtes Kind ins Auto zu laden, ohne mich selbst oder die Autositze dabei einzusauen, weiß ich, dass es die absolut richtige Entscheidung war, in den Waldkindergarten zu gehen.

Vielen Dank für eure Geduld und die Bereitschaft zum Nachdenken!

Märit Seichter

(1. Vorstand)